Die Schweiz darf an den Bike-OL-Weltmeisterschaften in Mora ihre erste Goldmedaille feiern. Malin Röhrl setzte sich in der Juniorinnen-Langdistanz nach einem spannenden Dreikampf durch und krönte sich zur Weltmeisterin. Bei den Elitekategorien verpasste Celine Wellenreiter als Vierte erneut knapp eine Medaille, während Noah Rieder bei den Herren den neunten Rang belegte.
Nach dem undankbaren vierten Rang in der Mitteldistanz gelang Malin Röhrl die perfekte Reaktion. Die Nachwuchsfahrerin sicherte sich in der Langdistanz den Weltmeistertitel und durfte sich diesmal als alleinige Siegerin feiern lassen, nachdem sie sich im vergangenen Jahr in Polen Gold noch mit einer litauischen Konkurrentin hatte teilen müssen.
Röhrl behält im Dreikampf die Nerven
Die Langdistanz in Mora stellte die Athletinnen und Athleten weniger technisch als vielmehr physisch auf die Probe. Trotzdem blieb höchste Konzentration gefordert, denn auf dem vor allem im Schlussteil dichten Wegenetz konnten bereits kleine Unaufmerksamkeiten entscheidende Sekunden kosten.
Röhrl erwischte einen ausgezeichneten Start. Sie sei bewusst ruhig ins Rennen gegangen und habe danach rasch ihren Rhythmus gefunden. «Ich konnte ein gutes Tempo halten und sah meistens immer gleich zwei mögliche Routen», erklärte die Schweizerin. Anschliessend habe sie jeweils versucht, die bessere Variante zu wählen. Zwar seien ihr einige kleinere Unsicherheiten unterlaufen, grössere Fehler habe sie sich jedoch keine geleistet. Entscheidend war letztlich die Konstanz, mit der sie ihr Rennen durchziehen konnte.
Während praktisch des gesamten Wettkampfs lieferte sich Röhrl ein packendes Duell mit der Tschechin Sofie Stranska und der Schwedin Signe Feil. Bis zum 17. von insgesamt 19 Posten wechselte die Führung mehrfach, die drei Fahrerinnen lagen beinahe gleichauf. Die Vorentscheidung fiel schliesslich im technisch anspruchsvolleren Schlussteil, der bereits am Vortag in der Mitteldistanz für Schwierigkeiten gesorgt hatte. Während sich ihre Konkurrentinnen kleinere Fehler leisteten, blieb Röhrl ruhig und routiniert. «Zu den letzten Posten gab ich nochmals alles, was ich hatte», schilderte sie. Dabei sei ihr zwar noch ein kleiner Fehler unterlaufen, der einige Sekunden gekostet habe. Selbst im Zielgelände habe sie bewusst nochmals etwas Tempo herausgenommen, um keinen entscheidenden Fehler mehr zu riskieren.
Im Ziel begann danach das Warten. Als Röhrl erfuhr, dass sie die Bestzeit übernommen hatte, seien die Emotionen hochgegangen. Die Entscheidung war allerdings noch nicht gefallen, da eine weitere Konkurrentin mit einer vielversprechenden Zwischenzeit unterwegs war. Erst als diese einen grösseren Fehler beging, stand der Schweizer Triumph endgültig fest. «Ich bin überwältigt», sagte Röhrl nach ihrem weiteren Erfolg auf internationaler Bühne. Besonders freue sie sich nun auf die Siegerehrung: «Ich kann es kaum erwarten, die Goldmedaille um den Hals zu tragen.» Mit 52 Sekunden Vorsprung auf Stranska und 56 Sekunden auf Feil fuhr die Schweizerin schliesslich verdient zu WM-Gold.
Wellenreiter erneut knapp neben dem Podest
Bei den Damen wiederholte sich das Bild vom Vortag beinahe. Erneut klassierte sich Celine Wellenreiter auf Rang vier, Jana Lüscher Alemany bewegte sich mit Rang zwölf praktisch auf dem Niveau ihres elften Platzes vom Donnerstag, und Ursina Jäggi belegte als 25. nahezu dieselbe Position wie in der Mitteldistanz (26.).
Auch der Rennverlauf von Wellenreiter wies erstaunliche Parallelen zum Vortag auf. Die Schweizer Teamleaderin startete kontrolliert ins Rennen, verlor aber insbesondere zu den Posten sechs und sieben mit zwei etwas langsameren Routenwahlen wertvolle Zeit. Bereits nach rund 33 Minuten wurde sie von der späteren Silbermedaillengewinnerin Iris Aurora Pecorari aus Italien eingeholt. Wie schon am Vortag absolvierte Wellenreiter danach grosse Teile des Rennens gemeinsam mit einer Konkurrentin und erreichte schliesslich zeitgleich mit Pecorari als vierte das Ziel.
«Leider muss ich konstatieren, dass ich momentan nicht mehr die Topform habe, die ich an der EM in Portugal hatte, und deshalb physisch mit den Allerbesten nicht ganz mithalten kann», meinte die Thunerin etwas enttäuscht. Das sei zwar schade, gleichzeitig aber auch Jammern auf hohem Niveau. Angesichts eines weiteren vierten Platzes auf Weltklasseniveau dürfte diese Selbstkritik jedoch etwas streng ausfallen.
Jana Lüscher zufrieden, aber nicht super zufrieden ;-)
Jana Lüscher Alemany bestätigte ihre starke Form mit einem weiteren konstanten Auftritt. Ohne grössere Ausschläge nach oben oder unten zeigte sie einen sehr regelmässigen Rennverlauf und durfte sich über Rang zwölf freuen. Die Langdistanz habe den Athletinnen vor allem körperlich alles abverlangt. «Es war superhart, man musste die ganze Zeit voll ‹mühlen›», fasste sie zusammen. Gleichzeitig sei die Bahn technisch etwas weniger anspruchsvoll gewesen als erwartet.
Abgesehen von einem Fehler kurz vor Schluss zeigte sich Lüscher mit ihrer Leistung zufrieden. Zum zweitletzten Posten verlor sie mit einem Fehler rund eineinhalb Minuten. «Das war ein ziemlich dummer Fehler», meinte sie selbstkritisch. Gerade deshalb falle ihr Fazit etwas differenziert aus: «Deshalb bin ich auch nicht super zufrieden, sondern nur zufrieden», ergänzte sie mit einem Augenzwinkern.
Ursina Jäggi: Probleme beim Kartenwechsel
Ursina Jäggi erwischte einen starken Start. «Bis Posten 7 hatte ich eigentlich immer die gute Route», blickte sie zufrieden auf die Anfangsphase zurück. Danach bekundete sie jedoch Schwierigkeiten auf dem Weg zu Posten 8. Einerseits wählte sie nicht die optimale Route, andererseits kostete sie auch der anstehende Kartenwechsel wertvolle Zeit. In dieser Phase wurde sie wohl auch unbemerkt von der späteren Weltmeisterin Gabriella Gustafsson aus Schweden überholt.
Etwas später schloss zudem die spätere Bronzemedaillengewinnerin Nikoline Splittorff auf. «Ich versuchte, ihr Hinterrad zu halten. Der Untergrund war für meine Fähigkeiten aber zu sandig, weshalb ich sie ziehen lassen musste», erklärte Jäggi. Danach war die Schweizerin grösstenteils alleine unterwegs. Zwar unterliefen ihr keine grösseren Fehler mehr, dennoch hatte sie das Gefühl, im weiteren Rennverlauf nicht mehr konsequent genug ans Limit gegangen zu sein. Sie habe «beinahe ein wenig vergessen zu pushen» und sich zwischendurch selber wieder motivieren müssen. Entsprechend zeigte sich Jäggi mit Rang 25 nicht ganz zufrieden.
Rieder verpasst Anschluss an die Medaillenplätze
Bei den Herren konnte Noah Rieder die hohen Erwartungen nicht ganz erfüllen. Der Lysser startete vielversprechend ins Rennen und hielt sich zunächst im Vorderfeld. Noch vor der ersten Zwischenzeit schlichen sich jedoch die ersten kleinen Unsicherheiten ein. Zwar lag er zu diesem Zeitpunkt weiterhin auf Rang fünf, auf das eng beieinanderliegende Führungsquartett hatte er aber bereits rund 30 Sekunden eingebüsst.
Die Langdistanz war zwar wie erwähnt technisch weniger anspruchsvoll als erwartet, verlangte aber trotzdem permanente Aufmerksamkeit. Immer wieder mussten im hohen Tempo die entscheidenden Abzweigungen erkannt werden. Gerade in einem Feld, in dem die Leistungsdichte so hoch ist wie wohl nie zuvor, werden selbst kleine Fehler sofort bestraft. Rieder musste dies am eigenen Leib erfahren. Auf dem Weg zu Posten 11 unterlief ihm auf einer der wenigen wirklich relevanten Routenwahlen ein weiterer kleiner Abzweigungsfehler, der ihn zusätzliche Zeit kostete.
In der Folge zeigte der Schweizer zwar ein durchaus gutes und solides Rennen, musste jedoch ständig seinem Rückstand hinterherfahren. Allerdings verlor er konstant ein klein wenig Zeit, aber mit Rang neun erreichte er dennoch ein starkes Resultat in einem aussergewöhnlich hochklassigen Feld.
Den Sieg sicherte sich wie bereits am Vortag der Finne Samuel Pokala vor seinem Landsmann Miika Nurmi und dem Litauer Jonas Maiselis. Erneut platzierten die Finnen drei Fahrer in den ersten vier Rängen und unterstrichen damit ihre Favoritenrolle für die Staffel vom Sonntag.
Hotz mit einer deutlichen Steigerung
Eine deutliche Steigerung gegenüber der Mitteldistanz gelang Silas Hotz. «Mein Rennen war gut, definitiv. Nicht perfekt, aber nahe an meinem Maximum», meinte Hotz zufrieden. Den ersten Teil empfand er als relativ einfach. «Doch dann, kurz nach dem Kartenwechsel, wurde es kurz tricky. Ich bin aber zumindest ohne Fehler durchgekommen.» Nach einem weiteren Kartenwechsel stellte er mit Blick auf die vor ihm liegende Strecke etwas ernüchtert fest: «Okay, da kommen ja nur noch ultralange ‹Fäden›.» Das entsprach zwar eher seinem Fahrprofil, trotzdem hätte er sich die Strecke durchaus etwas abwechslungsreicher und interessanter gewünscht.
Kurz vor Posten 18 kam es dann zu einem unfreiwilligen Zwischenhalt: Beim Überspringen eines Baumstamms stürzte Hotz relativ heftig. «Das Bike ist heil geblieben und mir hat es kurz den Atem abgestellt», schilderte er den Zwischenfall. Nach dem letzten Kartenwechsel wurde es im bereits vom Vortag bekannten Schlussteil nochmals technisch anspruchsvoll. «Da war ich ein wenig wie auf Eiern unterwegs», so Hotz. Vor allem wollte er ohne weiteren Fehler ins Ziel kommen, was ihm im Grossen und Ganzen auch gelang. Mit Rang 21 und einem insgesamt sauberen Rennen zeigte er sich entsprechend zufrieden.
Jäggi verliert durch «administrativen Fehler» viel Zeit
Weniger glücklich verlief das Rennen für Adrian Jäggi, der sich schlussendlich mit Rang 34 begnügen musste. Eigentlich hatte der Schweizer Routinier damit gerechnet, früher oder später vom Tschechen Vojtěch «Needy» Ludvík, einer der prägenden Figuren der internationalen Bike-OL-Szene, eingeholt zu werden. «Ich war aber sehr lange offensichtlich etwa gleich schnell wie er unterwegs», stellte Jäggi fest. Bis zu Posten 15, also über die Hälfte der Bahn, lief es denn auch ausgezeichnet. Dies spiegelte sich auch in den Zwischenzeiten wider.
Danach unterlief ihm allerdings ein folgenschwerer sogenannter administrativer Fehler. «Ich sah eine Superroute. Leider war es die Route zu Posten 19.» Erst bei Posten 18 bemerkte Jäggi seinen Irrtum und musste anschliessend die gesamte Schlaufe von Posten 16 bis 19 nochmals abfahren. Der Fauxpas kostete ihn rund neun Minuten und warf ihn weit zurück.
«Klar, zu einem absoluten Topresultat hätte es wohl aufgrund der für mich zu flachen Topographie nicht gereicht. Trotzdem hat es mich doch ziemlich genervt», meinte Jäggi ernüchtert. In der Folge fand er seinen Fokus wieder und konnte das Rennen sauber zu Ende fahren. Abgesehen vom grossen Fehler habe er sich denn auch nicht viel vorzuwerfen. «Ausser, dass ich vielleicht wieder mal die Zahlen auswendig lernen sollte», fügte er selbstironisch an.
Wittwer mit persönlicher Bestleistung
Bei den Junioren zeigte Jann Wittwer ein starkes Rennen. «Mir lief es heute recht gut», meinte er zufrieden. Dass er der späten Startgruppe mit den stärkeren Fahrern zugeteilt worden war, habe ihm dabei sicher geholfen. Wittwer fand gut ins Rennen, wurde allerdings wie am Vortag vom späteren Sieger aus Schweden, Joel Holmgard, eingeholt. Das höhere Tempo des Schweden konnte er nicht ganz mitgehen und musste ihn kurz darauf ziehen lassen.
Danach fand Wittwer seinen eigenen Rhythmus und absolvierte den weiteren Rennverlauf flüssig und ohne grössere Fehler. Ab der zweiten Hälfte war er gemeinsam mit einem tschechischen Fahrer unterwegs, mit dem er sich beim Fahren an der Spitze abwechselte. «Da waren wir ziemlich schnell unterwegs, das war super», blickte Wittwer auf diese Rennphase zurück.
Im Ziel durfte er sich über Rang elf freuen – sein bisher bestes internationales Resultat. «Ich bin wirklich zufrieden», meinte der Schweizer entsprechend glücklich.
Das weitere Programm
- Samstag, 29. August: Sprint
- Sonntag, 30. August: Staffel
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(Text: Thomas Bossi, Bilder: Ulf Rask)

