Hier finden sich Zusatz- und Hintergrundinformationen zum Kurzbericht «Wie gehe ich am besten mit Druck um?» vom Swiss Orienteering Magazine 03-24. Zum besseren Verständnis empfiehlt sich die einführende Lektüre des Artikels im Magazin.

Und welcher Druck ist nun tatsächlich der richtige?

Der Reifen ist wohl der Teil des Mountainbikes, an dem am meisten "getunt" wird. Dies ist auch wichtig, ist er doch der erste und (hoffentlich) einzige Berührungspunkt mit dem Boden. Neben Grösse, Modell, Material und Profil spielt dabei auch der Reifendruck eine entscheidende Rolle.

In Sachen Reifendruck galt lange der Grundsatz „viel hilft viel“. Mehr Luft gleich weniger Rollwiderstand mag für den Asphalt gelten, doch im Gelände sieht es anders aus: Nicht nur für den Fahrkomfort, auch für die Leistung (und bisweilen auch die Psyche) ist es ratsam, Druck abzulassen. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass 1,5 statt 4 bar Luftdruck auf einem Wiesenuntergrund eine Einsparung von fast 20 Watt ergeben. Und was die Leistung auf unebener Unterlage wie Schotter, Stein- oder Wurzelwegen betrifft, kann man sich folgendes Bild vor Augen führen: An jeder Unebenheit wird ein Teil der Antriebsleistung aufgewendet, um das "Fahrer-Bike-System" anzuheben. Dabei wird jedes Mal eine kleine Steigung erklommen. Mit wenig Reifendruck am Bike passt sich der Reifen besser an, und das gesamte System muss weniger stark und häufig angehoben werden. Tausend Mal 1 Centimeter macht ebenfalls 10 Meter, frei nach dem Motto: Auch Kleinvieh macht Mist.

Des Weiteren gilt: Je niedriger der Druck, desto mehr Grip (Haftung) und Traktion (Antrieb) gibt es dem Reifen. Dies geht auch einher mit mehr Fahrsicherheit. Grundsätzlich gilt für das Mountainbiken im Gelände: den Luftdruck so niedrig wie möglich halten, ohne dabei Durchschläge (sprich einen platten Reifen) zu riskieren.

Tubeless oder Schlauch?

Beschäftigt man sich mit Reifen und Reifendruck stolpert man sicher einmal über den Begriff "tubeless" (schlauchlos). Was für Autoreifen schon seit rund 60 Jahren Standard ist, setzt sich beim Fahrrad nur zögerlich durch: Fahrradreifen mit Luft, aber ohne Schlauch. Dabei offenbaren sich einige Vorteile, kann doch „tubeless“ mit geringerem Druck gefahren werden, was sich wie mehrfach erwähnt auf den Grip und ein besseres Fahrgefühl auswirkt. Ausserdem sinkt, nach persönlichen Erfahrungen des Autors die Pannenanfälligkeit gegenüber dem Schlauch-System um ein Mehrfaches. Allerdings gilt es auch zu erwähnen, dass zur Montage des Systems spezielle Felgen nötig sind. Beim Kauf eines neuen Mountain-Bikes ab dem mittleren Preissegment sind aber unterdessen die meisten Felgen sogenannt "tubeless-ready". Für weitere Informationen über das Thema siehe beispielsweise die Artikel "Tubeless-Reifen: Vorteile und Nachteile von schlauchlosen Reifen" oder „Tubeless: Wie funktioniert es - Für wen macht es Sinn".

Ein gesunder Mittelweg führt zum richtigen Druck

Ganz ohne Luft geht es natürlich auch nicht. Bei zu wenig Luft erhöht sich die Pannenanfälligkeit durch Durchschläge, was zu einem platten Reifen führt, oder aber noch schlimmer, gleich die ganze Felge zerstört. Ausserdem ist durch weniger Druck auch der Verschleiss der Reifen grösser. Des Weiteren erhöht niedriger Druck zwar die Fahrsicherheit, aber bei zu niedrigem Druck wird das Lenken vorab in Kurven und hohen Geschwindigkeiten wieder schwammig und instabil. Willst Du mehr zum Thema erfahren, warum niedriger Druck von Vorteil ist, aber auch alles seine Grenzen hat, dann liess den Artikel "Bock uf Bike - Der richtige Reifendruck".

Was heisst nun aber zu viel und zu wenig? Schwerere Fahrer:innen müssen sicher mit mehr Druck unterwegs sein als Fliegengewichte und ein aggressiver Fahrstil über einen Wurzelteppich erlaubt weniger Druck. Und als wäre nicht schon alles kompliziert genug kommt mit der Felgenbreite noch ein weiterer Parameter dazu. Die Grundregel hier lautet: je schmaler, desto mehr Druck.

Kurz zusammengefasst: Eine eindeutige Angabe kann (natürlich) nicht gemacht werden, da der ideale Druck von Gewicht, Fahrstil und Untergrund abhängig ist. Aber als Schweizer:innen sind wir Spezialisten im Kompromiss und Finden des goldenen Mittelwegs (aber bitte immer daran denken: Es ist auch von Kanton zu Kanton verschieden!). Als Grundregel empfiehlt der Autor: Je nach gefahrenem System (mit Schlauch oder schlauchlos) und Reifenbreite bewegen sich die Werte zwischen ca. 1,2 und 1,5 bar (die Experten von Swiss Cycling empfehlen als groben Orientierungswert für Hobbysportler:innen mit ca. 70kg Körpergewicht 1,7 bis 1,8 bar, siehe auch den oben erwähnten Artikel "Bock uf Bike - Der richtige Reifendruck").

Es empfiehlt sich, in diesen Bereichen zu starten und einige Probefahrten auf verschiedenen Untergründen zu absolvieren und dabei den Druck beispielsweise in Schritten von 0,1 Bar anzupassen, bis das ideale Fahrgefühl gefunden ist. Dabei kann auch durchaus am Vorderreifen mit weniger Druck als am Hinterreifen experimentiert werden. Und als Geheimtipp gilt: Es verhält sich mit dem Druck beinahe wie bei der Routenwahl im Bike-OL; ist der (vermeintlich) beste Druck gefunden, niemals daran zweifeln und die Sache auf jeden Fall durchziehen.

Weitere nützliche Hinweise zum Mountainbike, Einstellungen und Training, spezifisch auch für den Bike-OL findest Du in dem (nicht abschliessenden) Ratgeber „The Seven Biking Steps: Tipps und Tricks fürs Training mit dem Bike".

(Autor: Thomas Bossi)