Vom 09. - 15. September 2024 finden in Shumen, Bulgarien, die Bike-OL Weltmeisterschaften der Elite und Junior*innen statt. Das Schweizer Team geht optimistisch an die Wettkämpfe im Nordosten des Balkanstaates am Schwarzen Meer
Besonders Silas Hotz dürfte Bulgarien noch in bester Erinnerung haben, gewann er doch vor zwei Jahren an der Premiere der U-23-Weltmeisterschaften 2022 in Targovishte die Bronzemedaille in der Langdistanz. Und im gleichen Rennen klassierte sich Noah Rieder im vierten Rang. Da sich Targovishte und der diesjährige Austragungsort Shumen nur einige Pedalumdrehungen entfernt befinden, wissen die Athlet*innen, was sie hinsichtlich Gelände und Wettkämpfen ungefähr zu erwarten haben.
Vorsichtig skeptisch äussert sich Adrian Jäggi, erwartet er doch vor allem hinsichtlich Organisation gewisse Mängel. „Der Sprint dürfte wohl eher einfach und kartentechnisch nicht sehr herausfordernd werden“, befürchtet er im Gespräch. Auch zweifelt er beispielsweise die Höhenangaben im Massenstart an und erwartet mehr Höhenmeter als die angegebenen 180 Meter - was ihm aber als starker Bergfahrer sicher entgegenkäme. In dieser Hinsicht setzt er auf die Langdistanz, welche in steilem Gelände stattfinden wird. „Von einem Trainingssturz im Vorfeld habe ich mich gut erholt. Das Knie ist leicht angeschlagen und die Schulter schmerzt noch ein wenig, sollte mich aber nicht mehr behindern“, zeigt er sich ob seiner Form optimistisch. Wie im Übrigen alle Athlet*innen des Kaders, möchte er sich rangmässig nicht festlegen, für einen Top-Ten Platz mit Option auf einen Diplomplatz würde er aber im Vorfeld sicher unterschreiben.
„Einen Diplomplatz habe ich mir zwar nicht zum Ziel gesetzt, nichts desto trotz habe ich schon hohe Erwartungen an mich selbst“, meint Silas Hotz zu seinen Zielen. „Ich muss sagen, Bulgarien ist ein Gelände, welches ich sehr mag. Es sind oft Wege, auf welchen man „chrampfen“ muss und man nie so richtig ins Rollen kommt, Voraussetzungen welche mir entgegenkommen“. Das Potential des Aargauers ist riesig, in der bisherigen Saison fällt allerdings auf, dass ihm oft ein sehr guter Start in die Rennen gelang, er gegen Ende aber stets ein wenig abbaute und dadurch bessere Resultate vergab. „Mir ist bewusst, dass es in meinen Rennen immer einen Zeitpunkt gibt, in welchem der Fokus nicht mehr automatisch kommt. Dies geschieht immer etwa nach einer Stunde, und ich muss mir sehr Mühe geben, diesen Fokus zu halten“. Es sei dies nicht etwa ein physisches Problem wegen Müdigkeit, sondern primär ein mentales, welches sich auch immer ein wenig anders manifestiere, an welchem er aber arbeite. Wenn es Hotz gelingt, die Konzentration bis zum Ende eines Rennens zu halten, liegt eine positive Überraschung definitiv in Reichweite.
Noah Rieder zeigte dieses Jahr vor allem beim O-Ringen in Schweden sehr gute Fahrten und schwang im Schweizer Team obenaus. Auf den fahrerisch anforderungsreichen Trail im hohen Norden profitierte der Lysser von seinen herausragenden technischen Fähigkeiten (überhaupt dürfen alles Schweizer*innen von sich behaupten, auch im internationalen Vergleich technisch sehr versiert unterwegs zu sein). Auch in Bulgarien dürften einige Trails schwierig und ruppig zu befahren sein. „Ich stellte es mir eher noch rauer vor. Es war oft sehr schnell mit coolen Downhills und Uphills“, erwähnte Rieder noch 2022 im Interview; Verhältnisse, welche er sehr mag. Innerhalb des Kaders sei er auch derjenige, welcher wohl am meisten in Techniktrainings investiert.
„Was ich von Bulgarien in Erinnerung habe ist die Ruppigkeit des Geländes, tiefe Fahrspuren, Holz auf den Wegen und mehr Steigung als beispielsweise in Litauen oder Polen in diesem Jahr“, meint Flurin Schnyder. Auch er denkt, dass die Schweizer*innen hinsichtlich Fahrtechnik gut aufgestellt sind. „Gerade auch die Fahrten im Winter auf dem Schnee werden die technischen Skills gefördert“. Aber es sind natürlich nicht nur diese Skills und die Physis entscheidend: „Me muess au no Pöschte finge“, meint der Berner in seiner typisch ruhigen Art.
Bei den Damen lieferten sich Ursina Jäggi und Celine Wellenreiter in dieser Saison über lange Zeit Duelle auf Augenhöhe. In den letzten Rennen allerdings schlug das Pendel immer mehr in Richtung Jäggi aus. Darauf angesprochen meint Wellenreiter, dass es schon eine lange Saison war: „Ich habe in letzter Zeit einen strengen Trainingsblock gehabt und spüre diese Müdigkeit noch. Ich hoffe aber, dass ich mich in den nächsten anderthalb Wochen und einer Taperingphase (Zurückschrauben des Trainings) noch erholen kann“. Sie muss aber auch sagen, dass Ursina Jäggi zur gleichen Zeit wohl einen Schritt vorwärts gemacht hat. Angesprochen auf ihre Ambitionen meint die Thunerin: „Ich setzte mir keine Rangziele. Ich möchte einfach gute Läufe absolvieren und zeigen was ich kann, sprich sauber OL machen“. Da die WM-Rennen aber auch als Weltcupläufe zählen, „wäre es schon cool, wenn ich meine momentane Führungsposition oder zumindest den Podestplatz im U-23-Weltcup verteidigen könnte“.
Zufrieden mit ihrer bisherigen Saison und den Leistungen auf internationaler Stufe darf Ursina Jäggi sein. Sie ist sicher die Athletin im Schweizer Team mit den meisten internationalen Starts und damit eingehender Routine. Im Gespräch allerdings stellt sich überraschenderweise heraus, dass Jäggi noch nie in Bulgarien gefahren ist. „Von daher nützt mir diese Routine und Erfahrung auf jeden Fall, da es mir dadurch leichter fällt, mich auf neues Gelände einzustellen“. Auch erwähnt sie, dass eine gewisse Flexibilität wichtig sein könnte, gerade auch was die Organisation und die Karten anbelangt. „Wir müssen damit rechnen, dass das Kartenmaterial nicht überall die Qualität aufweist, wie wir es gewohnt sind. Diese Flexibilität erleichtert sicher auch das Querfahren“. Dieses war dieses Jahr sowohl in Polen (EM) wie auch in Litauen (WC) erlaubt und wird auch an der WM in Bulgarien als zusätzliche Komponente einen interessanten Aspekt einbringen.
Ebenfalls zum ersten Mal ist Jana Lüscher Almenay in Bulgarien unterwegs. "Ich freue mich sehr auf den Einsatz an der WM, welcher auch den Abschluss meiner ersten Saison mit dem Schweizer Bike-O-Nationalkader sein wird" meint Lüscher. Das Gelände in Bulgarien ist für sie zwar Neuland, erinnert aber im Vergleich zu ihren ersten Einsätzen an der EM in Polen und an den Weltcupläufen in Litauen eher an ihre Heimat Katalonien und ist ihr somit auch vertrauter. "Ich bevorzuge eigentlich keine bestimmte Distanz und möchte einfach "saubere" Rennen fahren" meint sie auf eine entsprechende Frage. "Die Chance auf ein Diplom ist sicher in der Staffel am grössten".
Was die beiden Staffeln betrifft darf oder muss ein Diplom sowohl bei den Damen wie bei den Herren das Ziel sein. Bei den Herren steht sicher noch die schwere Entscheidung an, wer die Staffel mit drei Fahrern bestreiten wird und wer über die Klinge springen muss. Bei den Damen werden Jana Lüscher Alemany, Ursina Jäggi und Celine Wellenreiter gesetzt sein und im Kampf um die Diplome sicher ein gewichtiges Wort mitreden.
Die WM findet vom 09. bis 15. September in Shumen, Bulgarien mit folgendem Programm statt:
- Mo 09. September Model Event
- Di 10. September Sprint
- Mi 11. September Massenstart
- Do 12. September Mitteldistanz
- Sa 14. September Langdistanz
- So 15. September Staffel
Wichtige Links:
- Veranstalter-Webseite
- IOF Live (Live-Video, GPS, Resultate, noch nicht gesichert)
(Text: Thomas Bossi/Marita Hotz, Fotos: Beat Schaffner, Noé Henseler)


