Die Schweizerinnen trumpfen an der WM in der Langdistanz auf: Juniorin Malin Röhrl zeigt ein beherztes Rennen und gewinnt zeitgleich mit einer litauischen Fahrerin Gold. Damit erreicht sie bereits ihre dritte Medaille an dieser WM. Und gut wird was lange währt: 2012 wurde Ursina Jäggi Mitteldistanzweltmeisterin, jetzt darf sie sich mit Bronze endlich ihre zweite Einzelmedaille an einer WM umhängen 

Wie an dieser WM gewohnt, bot der polnische Organisator einen äusserst anspruchsvollen Kurs, der die Athlet*innen einerseits kartentechnisch wie auch physisch forderte: vor allem die langen Sandpisten erschwerten das Fortkommen und gingen in die Beine. Diese Weltmeisterschaften in Warschau werden kurstechnisch sicher in die Geschichte eingehen, boten sie doch bisher an allen Tagen MTBO-Kost vom Feinsten.

Sehr gute Schweizer Bilanz

Und das Schweizer Team wird sich definitiv auch resultatmässig an diese WM erinnern: „Zwei Medaillen an einem Tag fühlen sich super an. Ich habe natürlich sehr Freude an den sehr guten Leistungen, welche die Athlet*innen schon durch die ganze Woche zeigen. Langsam sehe ich wirklich, was wir alle im Team im Laufe der letzten 5 Jahre erreicht haben. Wir haben hart gearbeitet, waren viel unterwegs, haben viel Zeit, Energie und Geld investiert und ich finde es enorm schön, dass es beginnt, sich auszuzahlen“, meinte eine hörbar zufriedene Nationaltrainerin Christine Schaffner.

Jäggi stürmt nach 13 Jahren zurück aufs Podest

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Bronze für Ursina Jäggi, Gold Malin Röhrl!

Beinahe 13 Jahre nach ihrem Weltmeistertitel in der Mitteldistanz in Ungarn erkämpfte sich Ursina Jäggi endlich ihre zweite Einzelmedaille an einer WM. Nach ihren Gefühlen gefragt meinte sie: „Es fühlt sich im Moment noch surreal an, doch mega, mega cool.“ Zu ihrem Erfolg dürfte gerade auch diese langjährige Erfahrung beigetragen haben: „Ich habe mir zu Anfang ganz bewusst viel Zeit genommen um auf die Karte zu kommen, da ich gewusst habe, dass ich bei 1:15‘000 schauen muss, dass ich alles genau sehe.“ Und dort wo es klar war, habe sie natürlich versucht zu pushen. Auch profitierte sie sicher von ihrer Startposition: „Zwei Minuten nach mir startete die starke Dänin Nikoline Splittorff, welche mich dann auch schon an Posten 5 einholte. Meine Taktik war klar: wenn sie kommt, versuche ich dranzubleiben und hinter ihr zu kontrollieren, bei Fehlern ihrerseits zu reagieren und für mich zu schauen“. Ihr Plan ging perfekt auf, konnte sie doch das Hinterrad der Silbermedaillengewinnerin bis beinahe zum Schluss halten und fuhr so den verdienten Lohn mit einer Bronzemedaille ein. Jäggi, die den Kontakt zur Weltspitze über die letzten Jahre nie ganz verloren hatte, bewies heute eindrucksvoll, was sie immer wieder betonte: Wenn alles zusammenpasst, ist sie immer noch für absolute Spitzenresultate gut.

Malin Röhrl krönt sich zur Weltmeisterin

Definitiv vorne mitmischen kann auch Malin Röhrl bei den Juniorinnen: Nach zwei Bronzemedaillen feierte die junge Schweizerin heute ihren grössten Triumph. In der Langdistanz gewann sie Gold - zeitgleich mit der erst 16-jährigen Litauerin Irmante Aleliunaite. „Ich kann es gar noch nicht so recht glauben. Ich hatte so ein cooles Rennen und so viel Spass. Es war streng, aber ich war von Anfang an sehr fokussiert.“ Der erste Loop gelang ihr sehr gut, sie konnte Fahrerin um Fahrerin einholen und vermochte ihr Rennen bis zum Schluss durchziehen. Als sie im Ziel eintraf, konnte sie es kaum glauben: „Mir ist es auch egal, ob wir jetzt zu zweit auf dem ersten Platz sind oder ich alleine, es ist so oder so super.“ Damit übertraf Röhrl ihre bereits starken Resultate von den Europameisterschaften eindrücklich.

Weitere Schweizerinnen mit Licht und Schatten

Jana Lüscher zeigte einen stabilen Lauf und erreichte mit Rang 13 ihr zweitbestes Resultat an dieser WM: „Es war sehr hart, physisch und man musste immer konzentriert bleiben. Ich hatte ein gutes Rennen, machte sicher einige kleine Fehler. In den schwierigen Abschnitten drosselte ich das Tempo, was sich auszahlte.“ Dass sie im Verlaufe des Rennens auch immer wieder eine kleine Gruppe anführte und Tempo machte, gab ihr ein gutes Gefühl und am Ziel wartete eine besondere Überraschung für sie: „Bei meiner Zielankunft konnte ich die Führung übernehmen“, meinte sie mit ein wenig Stolz.

Weniger rund lief es bei Celine Wellenreiter. Nach gutem Beginn und Tuchfühlung zu den Top-Ten unterlief ihr nach rund einer Stunde ein verheerender Parallelfehler, der ihr rund 6 Minuten kostete und ein weit besseres Resultat zunichtemachte. Zwar konnte sie sich im Schlussabschnitt nochmals steigern, musste sich jedoch schlussendlich mit Rang 19 zufriedengeben. So beschrieb sie auch ihren Lauf prägnant in drei Stichworten: „Guter Start - schlechte Mitte - gutes Ende.“

An der Spitze des Damenrennens setzte sich eine der grossen Dominatorinnen dieser WM durch: die Finnin Ruska Saarela. Sie siegte vor der langsam in Form kommenden Dänin Nikoline Splittorff.

Schnyder überrascht - Ludvik dominiert

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Erschöpft aber glücklich: Flurin Schnyder mit Top-Ten Platz

Bei den Herren lief es für einmal nicht nach dem Drehbuch von Noah Rieder: „Ich habe leider nicht nur Gutes zu berichten. Ich beging schon zu Beginn einige Fehler. Danach riss noch meiner Kette, welche ich reparieren musste. Anschliessend unterlief mir noch ein grosser Fehler: von da an war die Motivation ein wenig weg.“ So nahm er ein wenig Tempo raus und konzentrierte sich auf das saubere Navigieren, um für die morgige Staffel Kräfte zu sparen. Als er dann von einer vierköpfigen Gruppe um den Silbermedaillengewinner Bogar eingeholt wurde, packte ihn nochmals der Ehrgeiz und er blieb bis zum Schluss an dieser Gruppe dran. Am Ende resultierte für Rieder Rang 23.

Die besten Schweizer Karten spielte heute Flurin Schnyder aus: Er hielt sich bei den Zwischenzeiten lange in der Spitzengruppe und durfte gar mit einem Diplomrang liebäugeln: „Ich hatte ein sehr gutes Rennen, habe früh Oliver Friis aus Dänemark eingeholt und wir konnten sicher voneinander profitieren.“ Schnyder versuchte vor allem, auf den längeren Strecken die kräfteraubenden Sandpisten zu meiden und auf die festeren Trails auszuweichen, was sich seiner Meinung nach sicher ausbezahlt hat. Gegen Ende forderte die lange Distanz zwar ihren Tribut und Schnyder verlor noch wenige Ränge, was wohl auch auf die nicht ganz optimale Vorbereitung zurückzuführen war. Dennoch reichte es am Ende zu einem sehr starken neunten Platz - das beste Herrenergebnis für die Schweiz.

Adrian Jäggi kämpfte ein wenig mit den Bedingungen: „Es war heiss, sandig und brutal hart. Mit der Hitze bin ich eigentlich recht gut zugange gekommen, aber im Sand kam ich auch im Vergleich mit anderen Fahrern überhaupt nicht vorwärts.“ Auch die Routen traf er vielleicht nicht ganz ideal. Und natürlich habe er auch einige kleine Fehler gehabt. Er sei wohl generell ein wenig langsamer unterwegs gewesen als andere, weiss aber nicht genau an was es gelegen hätte: „Vielleicht fehlen mir einfach etwa 20 Kilogramm auf der Waage um hier wirklich schnell zu sein“, meinte er ein wenig ratlos. Auffallend war, dass er bereits nach 35 Minuten acht Minuten Rückstand hatte, in den folgenden 90 Minuten mit nur noch sechs Minuten Verlust Schadensbegrenzung betreiben konnte, und gar noch seinen Teamkollegen Rieder überholen konnte, was schliesslich Rang 22 bedeutete.

An der Spitze war der Titelverteidiger und diesjährige Mitteldistanz-Weltmeister Vojtech Ludvik eine Klasse für sich. Er gewann mit 3 Minuten Vorsprung vor Sprintweltmeister Krystof Bogar und dem Lokalmatadoren Bartosz Niebielski.

Aussicht auf abschliessende Staffel am Sonntag

Die Ausgangslage für die morgige Damen-Staffel scheint völlig offen - Finnland und Dänemark dürfen wohl als leichte Favoritinnen ins Rennen steigen, dahinter lauern aber auch Schweden, Frankreich, Tschechien und nicht zuletzt die Schweiz mit intakten Chancen auf die Medaillen.

Bei den Herren sind die Vorzeichen für die morgige Staffel klarer: Der Sieg dürfte über Finnland oder das in der zweiten Wochenhälfte wiedererstarkte tschechische Team gehen. Dahinter scheint jedoch für viele Nationen - von Litauen und Italien, über Österreich bis Frankreich - ein Exploit möglich. Und auch die drei Schweizer dürfen sich Chancen auf ein Team-Podest oder zumindest einen Diplomplatz machen.

Das Restrogramm

  • So, 17.08.: Staffeln

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Offizielle Webseite des Veranstalters: https://wmtboc2025.pl/en

(Text: Thomas Bossi, Interviews: Sabrina Meister, Bilder: Katrin Remund)