Mit zwei Bronzemedaillen in den Staffelwettkämpfen gelang dem Schweizer Bike-OL-Team ein erfolgreicher Abschluss der Weltmeisterschaften in Mora. Sowohl die Herren als auch die Damen kämpften sich im Verlauf des Rennens Schritt für Schritt in die Medaillenränge vor und wurden für ihre Aufholjagden belohnt.
Die Staffelrennen fanden im gleichen Gelände statt wie bereits die Mittel- und Langdistanz sowie Teile des Sprints. Schweizer Organisatoren dürften dabei durchaus neidisch nach Mora blicken. Die schwedischen Veranstalter konnten auf ein stadtnahes Wettkampfgebiet zurückgreifen, das sämtliche Rennen der Weltmeisterschaften beherbergte. Neben den sportlichen Vorteilen reduzierte dies auch den organisatorischen Aufwand erheblich, da während der gesamten Titelkämpfe dieselbe Zielarena genutzt werden konnte.
Schweizer Herren kämpfen sich auf das Podest
Silas Hotz erwischte für die Schweiz einen starken Start. «Ich muss sagen: Es war brutal geil, ein mega cooles Rennen», schwärmte er nach seinem Einsatz. Die Bedingungen seien nahezu ideal gewesen. Der leichte Regen habe den sandigen Untergrund kompakt gemacht, und selbst im anspruchsvollen Startbereich rund um das Biathlonstadion habe man auf den teilweise vorhandenen Asphaltstrassen die Karte noch erstaunlich gut lesen können.
Obwohl Hotz unterwegs kaum einen Überblick über die Rennsituation hatte, hielt er sich lange in der Spitzengruppe. Zu Posten 16 sorgte er zwischenzeitlich für etwas Nervosität, als er plötzlich kehrtmachte, obwohl er sich in der zweiten Verfolgergruppe befand. Wenige Sekunden später korrigierte er seine Entscheidung und fand wieder auf die ursprüngliche Route zurück. Der Anschluss an die Spitze schien kurzzeitig gefährdet, doch mit einem Zwischenspurt konnte Hotz die Lücke wieder schliessen. Als sich die führenden Franzosen und Italiener kurz darauf zu Posten 17 einen Routenwahlfehler leisteten, rückte das rund zehn Fahrer umfassende Spitzenfeld wieder eng zusammen.
Kurz vor dem Ende seiner Strecke folgte jedoch ein Rückschlag. Gemeinsam mit dem Italiener Fabiano Bettega war Hotz auf dem Weg von Posten 20 zu Posten 21 unterwegs. «Ich glaube, wir waren dort sogar in Führung», meinte er rückblickend. Die Schweiz lag zu diesem Zeitpunkt jedenfalls deutlich weiter vorne als erwartet. «Ich habe eigentlich ziemlich overperformed», stellte Hotz fest. Dann folgte jedoch der entscheidende Moment: Als die beiden Fahrer plötzlich auf Asphalt gelangten, wurde der Schweizer unsicher. «Ich dachte: Das kann nicht stimmen», schilderte er. Er machte einen Notstopp, um sich neu zu orientieren.
Der Fehler kam allerdings nicht ganz zufällig. Kurz zuvor hatte Hotz in einem Anstieg viel investiert, um dem Tempo Bettegas folgen zu können. «Da habe ich wirklich kurz den Überblick verloren», erklärte er. Die Unsicherheit kostete ihn letztlich rund zwei Minuten. Dadurch fiel die Schweiz bis auf Rang elf zurück, nationenbereinigt entsprach dies immer noch Rang neun.
Trotz des Missgeschicks überwog bei Hotz nicht die Enttäuschung. Er habe ungefähr dort übergeben, wo das Team vor dem Rennen realistisch erwartet worden sei. «Schade ist einfach, dass ich die Erwartungen während eines grossen Teils des Rennens übertroffen habe und es dann nicht nach Hause bringen konnten», meinte er. Gleichzeitig zeigte er sich optimistisch: «Aktuell sind wir nicht schlecht unterwegs. Noah ist gerade auf der Schlussschlaufe, und wir sind gespannt.»
Jäggi bringt die Schweiz zurück ins Rennen
Auf der zweiten Strecke zeigte Adrian Jäggi anschliessend eine beeindruckende Aufholjagd. Während sich Frankreich und Litauen an der Spitze etwas absetzen konnten, machte der Schweizer kontinuierlich Boden gut. «Ich hatte wirklich ein Superrennen», freute sich Jäggi nach seinem Einsatz. Da er seine Strecke alleine in Angriff nehmen konnte, habe er sich voll auf sich selbst konzentrieren können. Zu Beginn setzte er bewusst auf sichere Varianten, die seiner Ansicht nach gleichzeitig auch schnell waren.
Das bereits aus Mittel-, Langdistanz und Sprint bestens bekannte Gelände spielte ihm dabei in die Karten. Im Wald habe er sich hervorragend zurechtgefunden, erklärte Jäggi. Zwei oder drei Routen habe er sogar beinahe identisch fahren können wie bereits an den Vortagen. «Dadurch fühlte ich mich sehr sicher», meinte er. Der Schweizer konnte mehrere Konkurrenten «einsammeln», darunter den Tschechen Vojtěch Ludvík sowie den Italiener Luca Della Valle, der deutlich vor ihm gestartet war.
Zwar verlor Jäggi bei einem Posten nochmals einige Sekunden, als er sich für eine möglicherweise etwas langsamere Variante abseits der Hauptstrasse entschied. Danach fand er jedoch sofort wieder seinen Rhythmus und brachte die Schweiz zurück ins Rennen. Entsprechend positiv fiel sein Zwischenfazit beim Zuschauerposten aus, wo er nach seinem Einsatz gespannt den weiteren Verlauf des Rennens verfolgte: «Ich bin sehr zufrieden. Momentan warten wir auf Noah. Alles ist noch offen.»
Rieder macht die Aufholjagd perfekt
Als Noah Rieder auf die Schlussstrecke geschickt wurde, war die Ausgangslage klar: Frankreich schien bereits enteilt, die Medaillenränge lagen jedoch weiterhin in Reichweite. Auf Bronze fehlten lediglich 16 Sekunden, auf Silber rund 40 Sekunden. Für Rieder war die Mission deshalb von Beginn weg klar. «Ich bin sehr positiv ins Rennen gestartet und habe mich richtig darauf gefreut», erzählte er später. Mit guten Routen und hohem Tempo begann er sofort, Boden gutzumachen.
Dabei verlief längst nicht alles nach Plan. Bereits bei der ersten Querung der Bahngleise fing sich der Schweizer einen Platten ein. «Den musste ich zuerst flicken, das hat mich wohl 20 bis 30 Sekunden gekostet», erklärte Rieder (Anmerkung des Autors mit zwei linken Händen: «So geht das…».) Umso erleichterter war er, dass beim Reifen danach die Luft hielt. Vom Rückschlag liess er sich allerdings nicht aus der Ruhe bringen und setzte seine Aufholjagd unbeirrt fort.
Was danach folgte, war eine eindrückliche Demonstration von Rieders Klasse. Bereits bei der ersten Zwischenzeit hatte er den Italiener Riccardo Rossetto eingeholt und hinter sich gelassen. In hohem Tempo arbeitete er sich weiter nach vorne. Bei Posten 8 zeigte sich erstmals, dass sich das Rennen zugunsten der Schweiz entwickeln könnte. Die beiden vor ihm gestarteten Tschechen verloren zunehmend an Boden, wurden von Rieder überholt und auch der Litauer Ignas Ambrazas geriet unter Druck.
Während Rieder unaufhaltsam nach vorne stürmte, rückte sogar Frankreich wieder in Reichweite. Es deutete sich eine hochspannende Schlussphase an. Kurz darauf schloss der Litauer allerdings zum führenden Franzosen auf und konnten sich als Duo nochmals etwas absetzen. Für die Schweiz spielte dies letztlich keine Rolle mehr. Von hinten drohte keine Gefahr, und so brachte Rieder die Bronzemedaille souverän ins Ziel.
Dass er den Rückstand auf die Spitze kontinuierlich verkürzte, blieb auch ihm nicht verborgen. «Ich habe den Litauer und den Franzosen die ganze Zeit vor mir gesehen und gedacht, das seien die Ränge eins und zwei», schilderte er. Dass sich die haushohen Favoriten Finnen noch deutlich weiter vorne befand, wusste er da noch nicht, doch waren diese zu diesem Zeitpunkt aufgrund eines Fehlstempels auf der zweiten Ablösung bereits nicht klassiert. Gerade deshalb habe er bis zuletzt alles investiert, um die beiden vor ihm fahrenden Konkurrenten noch einzuholen. «Ich hatte das Gefühl, dass ich immer ein wenig näher gekommen bin. Wenn das Rennen noch etwas länger gedauert hätte, hätte ich vielleicht sogar noch aufschliessen können.»
Erst bei einem Zuschauerübergang erfuhr Rieder, dass er sich auf Bronzekurs befand. «Da wurde mir gesagt, dass es um Bronze geht.» Weil nach vorne nichts mehr möglich war und von hinten keine Gefahr drohte, konnte er den letzten Loop so richtig geniessen. «Die Schlussschlaufe habe ich richtig ausgekostet», sagte er mit einem Lächeln.
Im Ziel überwog dann der Stolz auf die geschlossene Teamleistung. «Ich bin richtig stolz auf das Team und glücklich, dass es geklappt hat.» Und wie die Feierlichkeiten nun aussehen würden? «Jetzt wird ein wenig gefeiert», meinte er lachend. Aus dem Hintergrund folgte sofort die passende Ergänzung eines Teamkollegen: «Jetzt gehen wir steil!»
Auch die Schweizerinnen holen Bronze
Noch erfreulicher hatte sich das Rennen bei den Damen entwickelt. Jana Lüscher Alemany startete im Massenstart und fühlte sich von Beginn an physisch stark. «Am Anfang war ich weit vorne, habe dann aber einen kleinen Fehler gemacht», blickte sie auf die Startphase zurück. Dadurch fiel sie etwas zurück, konnte im weiteren Verlauf aber wieder einiges an Boden gutmachen.
Das Rennen entwickelte sich zu einer abwechslungsreichen Angelegenheit. Aufgrund der zahlreichen Gabelungen war Lüscher immer wieder in unterschiedlichen Konstellationen unterwegs. «Es war ein sehr interessantes Rennen», meinte sie. Irgendwann fand sie sich jedoch alleine auf der Strecke wieder und damit auch ohne wirkliche Kenntnis über ihre Position im Feld.
Umso wichtiger war die Unterstützung aus dem eigenen Team. «Beim Zuschauerposten hat mich das Team extrem angefeuert und ich habe nochmals sehr stark gepusht», erzählte Lüscher. Mit diesem Schlussspurt brachte sie die Schweiz schliesslich als Vierte insgesamt und sogar als Dritte in der Nationenwertung zur Übergabe an Ursina Jäggi. Wo sie tatsächlich lag, wusste sie zum Zeitpunkt der Zieldurchfahrt allerdings selbst noch nicht: «Ich hatte keine Ahnung, wo ich stand.»
Auf der zweiten Strecke wechselten die Positionen aber laufend. Lange Zeit war kaum abzuschätzen, welche Nationen tatsächlich auf Medaillenkurs lagen.
Jäggi übernahm die Staffel in aussichtsreicher Position. «Ich habe von Jana übernommen und hatte Finnland, Schweden und auch Frankreich in meiner Nähe», schilderte sie. Durch die unterschiedlichen Gabelungen habe sie zu Beginn allerdings nicht immer den Überblick über die direkte Konkurrenz gehabt. Trotzdem fand die Schweizerin gut ins Rennen und zeigte sich mit ihrer Leistung insgesamt zufrieden.
Mit zunehmender Renndauer beruhigte sich die Situation etwas. Finnland 1 setzte sich an der Spitze ab, während sich dahinter Frankreich, Schweden und die Schweiz als aussichtsreichste Medaillenkandidaten herauskristallisierten. Jäggi verlor beim Kartenwechsel einige Sekunden, nachdem sie nicht auf die ursprünglich geplante Route gelangte. Auf dem langen Abschnitt zu Posten 11 hatte sie nur noch die Französin vor sich. «Leider musste ich sie nach einer schlechteren Routenwahl zu Posten 12 ziehen lassen», erklärte sie. Danach war die Schweizerin praktisch die gesamte Strecke alleine unterwegs.
Gerade deshalb setzte sie bewusst auf Sicherheit. Immer wieder legte sie kurze Kontrollstopps ein, um Fehler zu vermeiden. «Ich wollte auf keinen Fall einen grossen Fehler machen», sagte Jäggi. Diese Taktik zahlte sich aus: Zwar musste sie dem hohen Tempo gegen Ende etwas Tribut zollen, grössere Zeitverluste blieben aber aus.
«Ich habe das Gefühl, es war ein stabiles Rennen ohne grosse Fehler», lautete ihr Fazit. Als Vierte übergab sie schliesslich rund drei Minuten hinter Finnland und etwa eine Minute hinter den Medaillenrängen an Schlussläuferin Celine Wellenreiter und hielt damit die Schweizer Hoffnungen auf Edelmetall weiterhin am Leben.
Wellenreiter vollendet die Aufholjagd
Die Ausgangslage blieb dennoch vielversprechend. Zwar lag Finnland bereits deutlich voraus, doch Frankreich und Schweden 2 waren noch in Reichweite. Gleichzeitig rückte von hinten Schweden 1 mit Schlussläuferin und Doppelweltmeisterin Gabriella Gustafsson immer näher. Mit Celine Wellenreiter verfügte die Schweiz allerdings ebenfalls über eine Athletin der absoluten Weltklasse. Nach drei vierten Plätzen in den Einzelrennen war die Thunerin entsprechend motiviert, aber auch dementsprechend nervös.
«Ich wusste, dass Finnland weit vorauslag, aber Frankreich und Schweden 2 nicht so weit weg waren. Gleichzeitig wusste ich, dass Schweden 1 von hinten kommt», beschrieb Wellenreiter die Ausgangslage. Entsprechend liess sie sich zu Beginn bewusst etwas Zeit, um gut ins Rennen zu finden und die Routen sauber vorzubereiten. Das gelang ihr zunächst gut. Ein kleiner Fehler zu Posten 3 reichte allerdings, damit Gustafsson zu ihr aufschliessen konnte.
Gemeinsam holten die beiden wenig später bei Posten 7 die Französin Lou Garcin ein. «Ich hatte den Eindruck, dass die Französin ein wenig am Kämpfen war», so Wellenreiter. Tatsächlich musste Garcin an einer Gabelung abreissen lassen, womit sich der Kampf um Silber und Bronze auf ein Duell zwischen der Schweizerin und der Schwedin reduzierte.
Wellenreiter bereitete sich nun auf die entscheidende Schlussphase vor und konnte kurzzeitig sogar von einem Fehler Gustafssons profitieren. Gegen Ende gelang es der Schwedin jedoch, wieder an der Schweizerin vorbeizuziehen. «Ich konnte ihr dann nicht ganz folgen», musste Wellenreiter anerkennen. Auch auf dem Weg zum zweitletzten Posten versuchte sie mit einer Alternativroute, nochmals aufzuholen und einem möglichen Zielsprint auszuweichen. Der Entscheid zahlte sich allerdings nicht aus: Wellenreiter musste sich am Posten nochmals drehen, womit es gar nicht erst zum erwarteten Schlussspurt kam.
Trotzdem überwog im Ziel die Freude über die gewonnene Bronzemedaille. «Ich bin trotzdem glücklich mit dem Rennen», bilanzierte die Thunerin. Zum ersten Mal hatte sie bei einer Weltmeisterschaft auf der Schlussstrecke die Verantwortung für das Team getragen. «Ich war schon sehr nervös und bin jetzt dafür auch stolz, ein solides Rennen gezeigt zu haben.» Gemeinsam mit Jana Lüscher Alemany und Ursina Jäggi durfte sie damit die zweite Schweizer Bronzemedaille des Tages feiern.
Mit zweimal Bronze in den Staffelwettkämpfen und drei Medaillen in den Einzelrennen blickt das Schweizer Team auf sehr erfolgreiche Weltmeisterschaften in Mora zurück.
Resultate
Staffel Herren und Damen (Live Results)
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(Text: Thomas Bossi, Bilder: Ulf Rask)


