Was für ein Abschluss der Europameisterschaften in Litauen: Daniel Hubmann, Matthieu Bührer und Fabian Aebersold gewinnen Gold in der Männerstaffel. Wenig später holen Sofie Bachmann, Natalia Gemperle und Simona Aebersold Silber bei den Frauen. Für Fabian Aebersold endet damit eine aussergewöhnliche EM mit drei Medaillen in drei Rennen.
Zum Abschluss zeigte sich in Litauen erstmals auch die Sonne mit etwas mehr Kraft – fast, als hätte sie das Schweizer Team zusätzlich beflügelt. Noch einmal warteten die anspruchsvollen Wälder rund um Druskininkai. Und noch einmal wurde es aus Schweizer Sicht richtig spannend.
Von Rang 17 zu Staffelgold
Daniel Hubmann eröffnet die Staffel für die Schweiz. Trotz des direkten Gegnerkontakts konzentriert er sich konsequent auf die eigene Navigation. «Ich wollte immer wissen, wo ich hinmuss, und selber die Kontrolle haben. Das habe ich eigentlich geschafft», sagt Hubmann nach dem Rennen. Als 17. übergibt er mit 1:18 Minuten Rückstand. Die Position sieht dabei dramatischer aus als der tatsächliche Abstand.
Matthieu Bührer macht auf der zweiten Ablösung Position um Position gut. Ein kleiner Fehler kostet ihn etwas Zeit, danach ist er weitgehend alleine unterwegs. «Ich habe mir gesagt: Jetzt musst du alles geben.» Bührer läuft die Schweiz bis auf Rang 10 nach vorne und übergibt mit weniger als einer Minute Rückstand an Fabian Aebersold.
Dann beginnt die Aufholjagd. Bereits beim achten Posten sieht Aebersold den Norweger Kasper Harlem Fosser vor sich. «Das war für mich die Bestätigung, dass wir wieder sehr weit vorne dabei sind.» Beim Überlauf erfährt er, dass der führende Tscheche Tomas Krivda noch rund 45 Sekunden vorausliegt. Fosser erhöht das Tempo, Aebersold bleibt dran. Auch der Schwede Emil Svensk gehört zur Verfolgergruppe. Eine langsamere Routenwahl Krivdas bringt die drei Verfolger schliesslich heran. Plötzlich ist Gold möglich. Aebersold erinnert sich: «Ich wusste: Wenn ich mit ihnen aufs Feld herauskomme, habe ich sehr gute Karten.» Nach dem zweitletzten Posten greift er an. «Ich habe für zehn Sekunden gekickt und versucht, eine möglichst grosse Lücke aufzumachen.» Der Plan geht auf. Aebersold kommt als Erster aus dem Wald und lässt sich den Sieg nicht mehr nehmen. Die Schweiz ist Europameister. Für Aebersold ist es der perfekte Abschluss einer aussergewöhnlichen EM. Nach Silber in der Langdistanz und Bronze in der Mitteldistanz gewinnt er seine dritte Medaille. «Ich bin hierhergekommen und habe gesagt, das Ziel sei eine Medaille. Mit drei nach Hause zu gehen, je in einer Farbe, ist unglaublich und ein sehr schöner Saisonabschluss.»
Auch für Daniel Hubmann ist der Titel speziell: «Ich habe nicht damit gerechnet, dass es gerade eine Goldmedaille gibt. Speziell in meinem Alter mit so jungen Teamkollegen – Matthieu ist über 20 Jahre jünger – macht es das sehr speziell.» Für Matthieu Bührer endet seine erste Europameisterschaft gleich mit Gold: «Es fühlt sich ganz speziell an, jetzt bei den ganz Grossen dabei zu sein.»
Das zweite Herrenteam mit Tino Polsini, Martin Hubmann und Reto Egger erzielt die zwölftbeste Zeit.
Schweizer Frauen laufen zu Silber
Wenig später folgt die nächste Schweizer Medaille. Für Sofie Bachmann ist die erste Ablösung besonders: Zum ersten Mal läuft sie in der ersten Schweizer Mannschaft. «Ich war sehr, sehr nervös. Ich bin schon lange nicht mehr so nervös gewesen.» Davon lässt sie sich im Wald nicht aus dem Konzept bringen. Als Elfte übergibt sie mit 1:12 Minuten Rückstand an Natalia Gemperle.
Gemperle bringt die Schweiz auf Rang 5 nach vorne. Sie bleibt technisch sauber, macht einen starken Lauf und schickt Simona Aebersold mit etwas mehr als einer Minute Rückstand auf die Schlussstrecke. «Heute bin ich noch zufriedener. Ich bin glücklich mit meinem Fuss, ich kann stehen und laufen und es tut mir nicht weh.»
Aebersold macht von Beginn weg Positionen gut. Kurzzeitig sieht sie sogar Tove Alexandersson. Aufgrund der unterschiedlichen Gabelungen ist jedoch schwierig einzuschätzen, wie gross der tatsächliche Abstand zur Schwedin ist. Beim Überlauf erfährt Aebersold, dass ihr Rückstand grösser ist als beim Start. «Da war ich recht frustriert.» Sie konzentriert sich wieder auf ihre eigene Navigation und sichert der Schweiz Silber hinter Schweden. Für Aebersold ist es ein emotionaler Abschluss – auch wegen ihres jüngeren Bruders. Dessen Goldlauf hatte sie unmittelbar vor ihrem eigenen Start in der Quarantäne verfolgt. «Ich bin herumgesprungen, als ich gesehen habe, wie Fäbu am Schluss heruntersprintet.» Mit Tränen in den Augen ergänzt sie: «Es ist mega cool, wenn man den kleinen Bruder so gut OL machen sieht. Er ist lange in meinem Schatten gestanden. Dass er jetzt so gut läuft, finde ich mega, mega gut.»
Schweiz 2 mit Inès Berger, Alina Niggli und Corina Hüni kommt mit der 18.-besten Zeit ins Ziel.
Eine EM im Zeichen der Geschwister Aebersold
Fabian Aebersold reist mit drei Medaillen aus Litauen ab: Silber in der Langdistanz, Bronze in der Mitteldistanz und Gold mit der Staffel und dem dritten Rang im Gesamtweltcup. Simona Aebersold gewinnt zweimal Silber – in der Langdistanz und mit der Staffel – und sichert sich zudem den Gesamtweltcup.
Mit den beiden Staffelmedaillen setzt das Schweizer Team einen starken Schlusspunkt unter die EM und die Weltcupsaison. In der Nationenwertung belegt die Schweiz Rang 3 hinter Norwegen und Schweden.
Für die Kader geht es Anfang Oktober ins Trainingslager nach Ungarn, wo bereits die Vorbereitung auf die Wald-Weltmeisterschaften 2027 beginnt.
Und auch die nächste Europameisterschaft rückt ab heute in den Fokus: In einem Jahr findet die OL-EM in Thun statt. Der Countdown zur Heim-EM läuft – und die Schweizer OL-Community darf sich schon jetzt auf ein grosses OL-Fest freuen.
Resultate
Männerstaffel: 1. Schweiz 1 (Daniel Hubmann, Matthieu Bührer, Fabian Aebersold) 1:38:24; 2. Norwegen 1 +0:02; 3. Schweden 2 +0:06. Ferner: Schweiz 2 (Tino Polsini, Martin Hubmann, Reto Egger) mit der zwölftbesten Zeit.
Frauenstaffel: 1. Schweden 1 1:37:35; 2. Schweiz 1 (Sofie Bachmann, Natalia Gemperle, Simona Aebersold) +1:03; 3. Finnland 2 +1:38. Ferner: Schweiz 2 (Inès Berger, Alina Niggli, Corina Hüni) mit der 18.-besten Zeit.
(Text: Ieva Simmen; Interviews: Severin Müller; Foto: Simon Buser)


