Doppelgold für Celine Wellenreiter: Die Thunerin krönt sich an der EM nach der Mitteldistanz auch im heutigen Massenstart zur Europameisterin und feiert damit endgültig den internationalen Durchbruch. Auch die Schweizer Männer überzeugten mit starken Leistungen, wobei Silas Hotz das Podest nur knapp verpasste. Vor der Mixed-Staffel darf das Schweizer Team mit viel Selbstvertrauen antreten.
Der Stadionspeaker hätte es im Siegerinterview kaum treffender formulieren können: «And now, two gold medals on this European Championships: What a breakthrough.» Zwar gehörte Celine Wellenreiter bereits vor der EM zum Kreis der Favoritinnen, mit zwei Europameistertiteln ist ihr der internationale Durchbruch nun aber endgültig gelungen.
Im fliessenden Englisch antwortete die Thunerin nach dem Rennen auf die Bemerkung des Speakers: «Ja sicher, ich hoffte im Vorfeld, vielleicht eine Medaille gewinnen zu können. Nun aber gleich zweimal Gold zu holen, ist unglaublich. Ich bin sehr glücklich, dies erreicht zu haben.»
Auch das heutige Rennen war technisch nicht allzu anspruchsvoll, dafür enorm schnell. Stellvertretend meinte Flurin Schnyder: «Ich persönlich hoffe, dass die morgige Mixed-Staffel etwas technischer wird, denn heute war es mehr ein Velorennen und sehr einfach.»
Technisch oder nicht: Wellenreiter setzte sich von Beginn weg in der Spitzengruppe fest. «Ich hatte auch heute ein sehr gutes Rennen. Von Anfang an fuhr ich kontrolliert, übernahm nie die Führung, blieb eher im Hintergrund und beobachtete, was die anderen machten», erklärte sie ihre taktische Herangehensweise. Weil ihr GPS-Gerät wie schon an den Vortagen plötzlich ausfiel, blieb dem (mehr oder weniger) neutralen Beobachter beim Livetracking lange nur der Blick auf die Zwischenzeiten. Dort zeigte sich jedoch schnell: Gemeinsam mit der dänischen Bike-OL-Ikone Nikoline Splittorff und der Schwedin Elvira Larsson hatte sich die Schweizerin vor der entscheidenden Schlussrunde deutlich abgesetzt. Wellenreiter schilderte die Rennsituation so: «Nach dem Wasserposten konnten sich Nikoline und ich physisch leicht absetzen, gleichzeitig arbeiteten wir aber gut zusammen, um den Vorsprung zu halten. Obwohl wir sie nie gesehen haben, konnte Larsson kurz vor der Schlussrunde noch zu uns aufschliessen.»
Für die Entscheidung sorgte schliesslich eine kuriose Szene: Wellenreiter übernahm am zweitletzten Posten die Führung, verpasste danach jedoch die ideale Abzweigung zum letzten Posten. Die beiden Skandinavierinnen bemerkten dies, kehrten um und entschieden sich für die vermeintlich bessere Route – ein folgenschwerer Irrtum. «Ich habe die Abzweigung verpasst und die beiden mitgezogen. Sie dachten dann, meine Route sei nicht durchgehend befahrbar. Das war sie aber und ich zog sie konsequent durch», erklärte Wellenreiter die rennentscheidende Phase. Durch das Wendemanöver verloren Splittorff und Larsson entscheidende Sekunden, sodass Wellenreiter trotz der schlechteren Routenwahl mit sechs beziehungsweise neun Sekunden Vorsprung beim letzten Posten ankam und sich den Sieg nicht mehr nehmen liess.
Als zweitbeste Schweizerin erreichte Jana Lüscher Alemany das Ziel. Mit einem mutigen Rennen hielt sie stets den Kontakt zur Spitze. «Zu Beginn war ich lange mit Celine unterwegs, wovon wir beide profitieren konnten», erklärte Lüscher. Nach einer Gabelung musste sie das Rennen alleine fortsetzen, und es schlich sich ein Fehler ein, der sie rund eine Minute kostete. Dennoch kämpfte sie weiter, fand immer wieder Anschluss an andere Fahrerinnen und absolvierte ihr Rennen technisch sehr sauber.
Diese starke Leistung brachte sie weit nach vorne: Gemeinsam mit einer fünfköpfigen Gruppe erreichte sie den Zielbereich und kämpfte dort um den letzten Diplomplatz. Im hart umkämpften Sprint musste sie sich jedoch knapp geschlagen geben und verpasste Rang acht um lediglich zwei Sekunden.
Vermaledeite zwei Sekunden fehlten auch Silas Hotz zur Medaille. Während sich die beiden Österreicher Hannes Hnilica, der sich zum dritten Mal zum Europameister kürte, und Andreas Waldmann bereits im Ziel befanden, kämpfte eine hochklassig besetzte sechsköpfige Gruppe in einem packenden Finish um das letzte Edelmetall. Hotz mobilisierte nochmals alle Kräfte, musste sich am Ende aber knapp dem Tschechen Vojtech Ludvik geschlagen geben. «Wir waren lange zu dritt unterwegs, bis in der Schlussschlaufe wieder mehrere Fahrer aufschliessen konnten. Ich fiel in dieser Gruppe immer weiter zurück und lag um die letzte Ecke vor dem Schlussposten tatsächlich an hinterster Stelle.» Seinem wuchtigen Antritt und Schlusssprint war trotz Krämpfen aber nur der unverwüstliche Tscheche gewachsen. Wie Noah Rieder am Vortag belegte damit auch Hotz den undankbaren vierten Rang.
Für Hotz war es das erste Massenstartrennen seit seinem Comeback in diesem Jahr. Entsprechend zufrieden zeigte er sich nach dem Rennen, seinen Vorsatz vom Vortag umgesetzt zu haben, «offensiv, aber nicht zu offensiv ins Rennen zu starten». «Ich musste in der zehnten Reihe starten, war aber relativ schnell vorne mit dabei. Ich fuhr aktiv, aber kontrolliert mit», meinte ein sehr zufriedener Hotz. Während des gesamten Rennens investierte er viel Kraft, indem er auch versprengte Gruppen wieder zusammenführte - Kraft, die ihm im Endspurt möglicherweise fehlte.
Adrian Jäggi war zweitbester Schweizer und scheint immer besser in Fahrt zu kommen. Er erreichte den Zielbereich kurz vor einer nächsten grösseren Gruppe, von welcher er sich noch hatte absetzen können. So konnte so einen Sprint vermeiden und klassierte sich als Neunter erstmals an dieser EM in den Top Ten. Obwohl ihm als tendenziell starker Bergfahrer die Streckenführung nicht besonders entgegenkam, zeigte er sich sehr zufrieden mit seinem Rennen.
Noah Rieder und Ursina Jäggi konnten sich nach ihren starken Leistungen vom Vortag nicht weiter steigern. Beide mussten den intensiven Rennen von gestern wohl ein wenig Tribut zollen und belegten die Ränge 19 beziehungsweise 17. Nach einem zeitraubenden Fehler gleich zu Beginn wollte Rieder auch ein wenig Energie für die Mixed Staffel am Donnerstag sparen: «Mein Fokus liegt jetzt vor allem auf morgen. Ich freue mich mega darauf und denke, wir haben grosses Potenzial", meinte er. Daher des Autoren Empfehlung an die Leserschaft: Stay tuned!
Flurin Schnyder musste erneut feststellen, dass er physisch noch nicht dort ist, wo er gerne wäre (Rang 32). «Ja, es war wieder brutal physisch heute, und mein Formstand hat sich von gestern auf heute natürlich nicht wesentlich verbessert …» Technisch hatte Schnyder keine Schwierigkeiten, körperlich war es aber nicht zuletzt wegen der Hitze ein andauernder Kampf. Sein Fokus richtet sich nun vollständig auf die WM vom August in Schweden.
Morgen steht bei der Elite die Mixed-Staffel auf dem Programm. Angesichts der aktuellen Form sowohl der Frauen als auch der Männer liegt für die Schweizer Teams durchaus noch eine weitere Überraschung drin.
Bei den Juniorinnen und Junioren sowie in den Jugendrennen über die Langdistanz blieb die Schweiz heute zwar ohne Medaille, dennoch gab es mehrere starke und vielversprechende Auftritte.
Fast hätte Malin Röhrl ihre eindrückliche Medaillenserie bei internationalen Juniorinnenrennen fortgesetzt. Doch jede Serie reisst irgendwann: Der Egnacherin fehlten am Ende lediglich fünf Sekunden zu einer weiteren Medaille.
Bei der Jugend zeigte Joy Vassalli erneut ein starkes Rennen. Für eine Medaille wie am Vortag reichte es diesmal allerdings nicht, sodass sie sich mit Rang 7 zufriedengeben musste. Der Rückstand auf Bronze betrug jedoch lediglich 1:08 Minuten - ein Abstand, der durchaus Mut für die Zukunft macht.
Bei den Junioren gelang Jann Wittwer nach der missglückten Mitteldistanz und dem ausgelassenen Posten eine klare Steigerung. Er klassierte sich auf Rang 22 knapp ausserhalb der ersten Hälfte des Teilnehmerfeldes. Wie Nationaltrainerin Christine Schaffner betonte, geht es für die jungen Kadermitglieder in erster Linie darum, «internationale Wettkampfluft zu schnuppern und das eigene Potenzial möglichst gut abzurufen» was Wittwer sicher gelang.
Dasselbe gilt auch für Iacopo Zambarda. Wie Wittwer konnte er in Portugal wertvolle internationale Erfahrungen sammeln und belegte zum Abschluss der Einzelrennen ebenfalls Rang 22. Nach der defektbedingten Aufgabe im Sprint und Rang 27 über die Mitteldistanz zeigte seine Formkurve damit klar nach oben. Entsprechend deutet vieles darauf hin, dass er sein Leistungsniveau Schritt für Schritt weiter steigern kann.
Hier gehts zu den Resultaten: https://www.tictactiming.pt/eventos/2026/0523_EMTBOC/PR_e3.html
Das weitere Programm
- Donnerstag, 28 Mai: Mixed-Staffel
Live TV, GPS und Liveresulte: https://orienteering.sport/event/european-mtb-orienteering-championships-2026/live/
Offizielle Webseite des Veranstalters: https://emtboc2026.fpo.pt/
(Text: Thomas Bossi, Bilder: Christian Eglin)

